Sound Barrier, Schöppingen 1996
 

Témoigner, Mathias Flügge (german)
Le sommeil de la raison, Joseph Tarrab (german)
Victims in the Shadow of Account – A Story Behind the Pictures of Salah Saouli, Harald Friecke
Nur ein Hauch von Verlust, Katrin Bettina Müller
The Way We’ve Always Done Before, Michael Wollenheit
Energetic Depots – On the New Works of Salah Saouli, Stefan Rasche (german)
Some say that writing poetry is impossible after Auschwitz, Wilhelm Gauger
Wir wollen wieder gesehen werden und euch sehen können, Wilhelm Gauger
Le mot secret, Abbas Beydoun
Obsession by Salah Saouli,
Heleen Buijs
Supperpositions, Reiner Höynck (german)
Das Labyrinth, Stefan Rasche

Stefan Rasche

Energetische Depots - zu den Neuen Arbeiten von Salah Saouli

Angefüllt mit individuellen Erfahrungen und kollektiven Bildern, ist die Erinnerung ein Speicher disparater, ungeordneter Daten, ein Schauplatz wechselnder Perspektiven und Verknüpfungen. Sie aus ihrer eigenen Struktur heraus zu aktivieren, ihr eine Flache oder ein Volumen zu verleihen, dabei Bestimmtes und Unbestimmtes, Sichtbares und Verschwommenes gleichermaßen in den Blick zu nehmen, steht für Salah Saouli im Mittel Punkt seines künstlerischen Interesses. So sammelt er mit der Besessenheit eines Archäologen seit einigen Jahren Fotografien, Texte und andere Dokumente, um sie seinen multimedialen Objekten und Installationen- oft dicht an der Grenze zur Lesbarkeit- als fragmentierte Materialen einzuverleiben. Auf Fahnen gedruckt oder in schreinartige Behausungen eingelassen, an die Wand geheftet, in Guckkästen arrangiert oder zu Raumgreifenden, Labyrinthischen Inszenierungen erweitert, ergänzen sich die aufgelesenen, vielfältig reproduzierten Spuren über die einzelne Arbeit hinaus zu einem visuellen Depot, das - Sprünge und Lücken, aber auch motivische Wiederholungen inbegriffen - in immer neuen Ausschnitten und Kombinationen bildhaft aufgerufen wird. Dabei arbeitet Salah Saouli bevorzugt mit komplexen Montagen und vielschichtigen Überlagerungen, mit Mitteln der Fokussierung und erneuten Zerstreuung, die dem Material zu energetischer Gestalt und assoziativer Aussage Kraft verhelfen, ohne vordergründig auf dessen Herkunft, auf historische Orte und Zeiten zu verweisen. Waren es zuletzt vor allem die Auswirkungen des Krieges auf Menschen und Städte, die Salah Saouli als Bilder der Erinnerung vergegenwärtigt hat, in dem er immer wieder Ansichten zerstörter Häuser oder Fotografien vermisster Personen einbezog, so hat er in Schöppingen nicht nur zu einer Erweiterung seines Themas, sondern auch zu neuen Formen der Präsentation gefunden. Dies gilt besonders für das Motiv des Düsenjägers, das insofern die jüngste Geschichte der münsterländischen Gemeinde berührt, als deren Bewohner viele Jahre massiv- und in abgeschwächter Form bis heute- durch Tiefflieger einer nahegelegenden NATO-Basis belästigt wurde. Derart inspiriert und doch im Resultat aus diesem konkreten Kontext heraus - gelöst, betont der Künstler das Bild der Militärmaschine in seiner traumatisierenden Wirkung, indem er es als schemenhafte Silhouette hundertfach auf Transparente Täfelchen druckt, die dann- einem Geschwader ähnlich- in Wand - oder Raumfühlenden Installationen angeordnet werden. In Ergänzung anderer Motive tauchen die Flugzeuge des weiteren als bildhafte Füllung ausgedienter Schubladen auf, wie sie Salah Saouli entweder in unterschiedlicher Höhe von der Decke abhängt oder als Leuchtkästen auf dem Boden gruppiert. Dabei ist es gerade dieses Behältnis, das in seiner Funktion als Aufbewahrungsort diverser Habseeligkeiten metaphorisch auf die Strukturen unserer Erinnerung verweist. Einen Ähnlichen Verweischarakter besitzen aber auch die Kinetischen Arbeiten des Künstlers, die unter Zuhilfenahme von Propellern oder Projektoren Bilder in Bewegung versetzen, sie erscheinen und wieder verschwinden lassen. Die einzelnen Motive, etwa ein Wappen oder eine Mittelalterliche Folterszenen, eine Heiligenfigur oder wiederum ein herannahendes Flugzeug, sind folglich nur als Fragment. Als flüchtiger Schattenriss zu entziffern, doch ist ihr beschleunigter Rhythmus ein weiterer Garant für die Verselbstständigung der Bilder, auf die der Künstler zielt. Weit über das Gezeigte hinaus gelingt es Salah Saouli auf diese Weise, das scheinbar Vergangene, nun Wieder erkannte und Nachgedachte zu unmittelbarer Präsenz und gegenwärtiger Bedeutung zu bringen.

Salah Saouli, Katalog 41, Künstlerdorf Schöppingen, 1996
©Salah Saouli und Stefan Rasche


© salah saouli